„Nachdem ich in Moabit schon für 5 Wochen auf der ‚Kottistation’* war, bin ich nun im eingezäunten Görli“.
Ende November 2025, nach über einem Jahr U-Haft in der JVA Berlin-Moabit, wurde Nanuk in die JVA Görlitz verlegt. Grund der Verlegung war der Beginn des Antifa-Ost-Prozesses am 25. November letzten Jahres in Dresden.
Der Transport war, wie schon bei der Haftprüfung im Frühjahr 2025, sehr unangenehm, mit vier Wannen und er in einer ganz kleinen Zelle ohne Fenster, in der er nicht normal sitzen konnte, weil sie zu klein war. Es gab kaum Belüftung in der Zelle, die Knappheit an Sauerstoff sorgte für Übelkeit und dass es Nanuk leicht schwummerig war, als er in Görlitz ankamen. Ihm wurden erneut Hand- und Fußfesseln angelegt. Wie bei dem Transport für die Haftprüfung nach Karlsruhe wurde die Verpflegung wieder ‚vergessen‘: „Nach einigem Diskutieren bekam ich 25ml Apfelsaft in die Hand gedrückt.“
„Görli ist wieder ein Knast mitten in der Stadt, direkt am Gerichtsgebäude. Knapp über 100 Gefangene gibt es hier und alles ist wirklich sehr provinziell. Es gibt Einzel- und Doppelzellen. Ich habe wieder den Luxus der Einzelunterbringung.“ In der Anstalt gibt es auch 3er und 4er Zellen, die aber mit maximal 3 Gefangenen belegt sind. „Meine Zelle ist relativ groß mit 2,5 x 3 Meter, das Klo ist abgetrennt, Schreibtisch, 1,5 Schränke (weniger als in Moabit) und ein großes Bett. Dazu gab es einen TV, der hat 4 Programme die laufen […] und ich wurde gebeten in der Zelle alles so zu lassen, nicht etwa die Gitter herauszulösen. Anscheinend passiert das öfters.“ In Zelle und Hof gibt es leider keine Sonne.
Die neue Haftsituation in Görlitz hat für Nanuk Pro und Contra: die JVA ist kleiner als die JVA Moabit und dadurch sind die Wege kürzer, für Anträge und Anfragen z.B.. Der Sportraum (nur für Kraftsport geeignet) „hat auch eher was von ner Garage in den 90ern“. An einem Tag pro Woche wird von einem externen Verein ein Gesellschaftsspiel-Nachmittag organisiert. Für Nanuk ist dies das einzige Freizeitangebot an dem er teilnehmen kann, da vieles an den Tagen stattfindet, wo er in Dresden vor Gericht sitzt, oder einfach ausfällt.
Seit dem ersten Tag in Görlitz hat Nanuk gemeinschaftlichen Hofgang und Aufschluss. Der Aufschluss bedeutet gemeinsames Kochen, Essen und generell mehr Zeit mit anderen Gefangenen. Was auch nicht für Begeisterung sorgt ist die Massak-Einkaufsliste**, die anscheinend eine reduzierte Version der Moabit-Massak-Liste ist. Es fehlen viele leckere Sachen, dafür gibt es 3-lagiges-Klopapier und Zimmerpflanzen zum Kauf. Der Einkauf kommt alle 2 Wochen, nicht jede Woche wie in Moabit. „Aber ich fühle mich hier gerade sehr wohl, soweit es möglich ist!“.
Am 25. November ging der Antifa-Ost-Komplex-Prozess vor dem OLG Dresden los. Was dort verhandelt wird und was bei den unterschiedlichen Prozesstagen passiert, könnt ihr auf dem Blog lesen. Für Nanuk und alle anderen Angeklagten, die sich in U-Haft befinden, bedeutet Prozesstag einmal vom Knast hin- und zurücktransportiert zu werden. Nanuk berichtet, dass diese Transporte bis jetzt angenehmer sind. Zwar finden sie weiterhin in Hand- und Fußfesseln statt, aber er sitzt in einem normalen Transporter und nicht eingesperrt in einer Zelle. Ab der Autobahn werden alle Kreuzungen gesperrt, die Gegenfahrbahnen werden auch genutzt, damit ohne Stau und Ampelsignale bis zum Gericht gefahren werden kann. „Alles etwas abenteuerlich. [..] In Sachsen ist es üblich, inhaftierte Angeklagte in Handschellen ins Gericht zu führen. Dazu gibt es zu einem die starren Handschellen, welche der SGJ (Sicherheitsgruppe Justiz***) gehalten bzw. geführt werden, außerdem sind wir auch mit einer weiteren Handschelle an den SGJler gekettet.“
Die Art und Weise, wie die Gefangenen vorgeführt werden, die Verhandlung in einem Hochsicherheitssaal, die Anklagen selbst sind eine Demonstration von dem, was wir von Anfang an festgestellt haben: es handelt sich hier um einen Schauprozess mit dem klaren Ziel, antifaschistische Praxis doppelt zu bestrafen, Antifaschist:innen einzuschüchtern und Organisierung zu erschweren. Insbesondere der §129a dient dafür als Mittel, weswegen versucht wird, „die Antifa“ als vermeintlich zusammenhängende, gemeinsam organisierte Struktur zu framen und zu verfolgen.
Antifaschistische Praxis wird seit jeher verfolgt, überall dort, wo sie notwendig ist. Die Härte, mit der dies passiert, und entsprechend auch die Mittel, die dafür angewandt werden, variiert.
Zur Zeit erleben wir in ganz Europa und der sogenannten „westlichen Welt“ generell einen Anstieg an Repression und Überwachung, und auch die antifaschistischen Bewegungen sehen sich verstärkter Repression ausgesetzt. So mündete der erste Prozess des sogenannten „Antifa Ost-Komplex“ in hohen Haftstrafen für die Angeklagten. Am 13. November 2025 wurde die vermeintliche Gruppe „Antifa Ost“ von der Trump-Administration auf die Terrorliste gesetzt. Orban folgte Trumps Beispiel und in den Niederlanden wurde mehrheitlich ein Antrag für das Verbot „der Antifa“ abgestimmt.
Am 23. Dezember 2025 wurden der Roten Hilfe die Konten bei der GLS Bank und der Sparkasse gekündigt. Es ist offensichtlich, dass die Terroreinstufung seitens der USA kurz- und langfristige Auswirkungen für uns alle hat und weiterhin haben wird. Das Ausmaß dessen ist noch nicht abzusehen.
Dass jetzt eine Gruppe mit dem Namen „Antifa Ost“ auf einer ausländischen Terrorliste steht, zeigt nicht nur den Willen zur Inszenierung, sondern auch die blinde Wut und Motivation, Antifaschist:innen in Europa und Deutschland einzuschüchtern und zu verfolgen. (https://www.antifaostkomplex.org/profaschistische-weihnachtsoffensive-im-kontext-des-antifa-ost-komplexes/)
Wir werden uns nicht einschüchtern lassen, nicht jetzt, nicht in der Zukunft. Seid solidarisch, zeigt den Gefangenen, den Angeklagten, deren Familien, Freund*innen und Genoss*innen, dass sie nicht allein sind. Wir werden uns nicht die Freiheit nehmen lassen das zu sein, was wir sind: Antifaschist*innen.
„Danke für die vielen Menschen die uns an den Tagen so zahlreich unterstützt haben. […] Auch nochmal schön dass die Gefangenen nach dem Prozess durch Winken bei der Abfahrt veraschiedet werden. Danke“.
Unsere Gedanken sind bei Maja, die auf das Urteil wartet; bei den in U-Haft sitzenden sechs Antifaschist:innen des sogenannten Budapest-Komplex – viel Kraft euch für den Prozess der am 13. Januar startete; bei Hanna, Gino, Gabri, Zaid, Lina, Lennart und Jannis.
Für die, die noch unterwegs sind – passt auf euch auf!
bis alle frei sind.
Soligruppe Nanuk
* die Station wird so von den Schließern genannt und nicht von den Gefangenen selbst.
**Massak Logistik ist in vielen JVAs Zuständig für die Lieferung von den Einkäufen der Gefangenen. In den meisten Gefängnissen ist den Gefangenen ermöglicht vom Haftkonto für eine bestimmte Summe einzukaufen.
*** die Sicherheitsgruppe Justiz ist eine Spezialeinheit, die insbesondere bei der Durchführung von größer angelegten Durchsuchungseinsätzen in den JVAs und der Vor- und Ausführung von gefährlichen Gefangenen eingesetzt wird.